Interview mit Gesangs Stimmgewalt
Es gibt mehr Gemeinsamkeiten zwischen mir und Stimmgewalt, als mir bisher bewusst war. Die Liebe zur Musik zum Beispiel. Aber auch der Marathon. Wir waren alle zusammen beim Lacrimosa-Konzert (natürlich), aber auch beim ASP-Konzert und beim Berlin-Marathon (auch wenn es nicht die gesamte Band war, ist es trotzdem cool). Ich hoffe, euch gefällt dieses Interview. Es dreht sich alles um Musik, und außerdem suchen sie ein neues Mitglied. Oder sollen wir mal ein bisschen Clickbait betreiben? Tilo Wolff kommt zu Stimmgewalt?! – M
Wer euch frecherweise nicht kennt, wer ist Stimmgewalt?
Stimmgewalt ist eine Berliner Dark-A-Cappella-Band. Wir verbinden Metal, Gothic und klassische Einflüsse, ausschließlich mit unseren Stimmen. Das heißt: keine Instrumente, dafür mehrstimmiger Gesang, Solostimmen, Vocal Percussion, Klangflächen, Growls und allerlei Geräusche, die der menschliche Kehlkopf so hergibt. Uns interessiert vor allem, wie groß, dunkel und vielschichtig Musik werden kann, wenn man im Grunde nur ein Instrument zur Verfügung hat: den menschlichen Körper. Aber macht euch am besten selbst ein Bild, oder besser: ein Ohr. Ihr findet uns im Einzelhandel und auf allen gängigen Streaming Plattformen. (Links am Ende)
Stimmgewalt musiziert ohne Instrumente, könnt ihr aber Instrumente spielen?
Ja, einige von uns können durchaus mit Instrumenten umgehen. Wir haben uns also nicht aus Mangel an Alternativen für A Cappella entschieden :) Der Schwerpunkt liegt bei uns allen aber ganz klar auf dem Gesang. Die Stimme ist das Instrument, das uns als Band zusammengebracht hat.
Wenn ihr Lacrimosa bzw. Tilo Wolff nicht kennen würdet, hätte er es nach dem Berlin-Konzert in die Band geschafft?
Stimme: ja. Bühnenpräsenz: ja. Hang zu Dunkelheit und Dramatik: eindeutig kompatibel! Und da wir gerade tatsächlich einen Bass suchen, wäre das Timing ausgesprochen günstig. Die entscheidende Frage wäre vermutlich, ob er unsere Gruppenchats überlebt. Aber falls er es versuchen möchte: Der Ball liegt jetzt bei dir, Tilo! :)
Wie beschreibt ihr Dark A Cappella, was ist das?
Dark A Cappella ist im Grunde das, was passiert, wenn man A Cappella nachts allein auf den Friedhof schickt. Wir arbeiten ausschließlich mit unseren Stimmen, aber eben nicht nur mit klassischem Gesang: Screams, Growls, Vocal Percussion, etc. gehören genauso dazu. Das „Dark“ steht dabei für unsere musikalische Heimat zwischen Gothic, Symphonic Metal und einer gewissen Vorliebe für Schönheit mit Abgrund.
Ihr habt schon mit dem Who is Who aus der "Szene" gespielt, an welche Zusammenarbeitet erinnert ihr euch am Liebsten?
Da möchten wir uns sehr ungern auf einen Liebling festlegen! Ob ASP, Lord of the Lost, Samsas Traum oder andere: Jedes Mal durften wir in eine andere musikalische Welt eintauchen und gleichzeitig etwas von unserer eigenen hineintragen. Dass so unterschiedliche Künstler uns ihre Musik anvertrauen und offenbar denken: „Da könnten noch ein paar Stimmgewaltige rein“, empfinden wir nach wie vor als großes Geschenk. Und vor allem sind wir sehr dankbar für all die Begegnungen, die dadurch entstanden sind.
Wie läuft das "Stimmgewalt sucht den Superstar Casting" bei euch ab? Wie wird eine neue Stimme rekrutiert?
Sehr gut, dass du das erwähnst! Stimmgewalt sucht nämlich tatsächlich gerade den nächsten Superstar. Genauer gesagt: einen Bass. Wer eine verlässliche Tiefe bis mindestens D mitbringt, sich auf der Bühne wohlfühlt und regelmäßig mit uns in Berlin proben kann, darf sich sehr gern angesprochen fühlen. Wir machen ein Vorsingen, lernen uns gegenseitig kennen und schauen, ob es musikalisch und menschlich passt. Wenn ja, folgt eine Probezeit, denn bei einer Band mit so vielen Menschen ist die soziale Kompatibilität mindestens so wichtig wie die tiefste Note. Wer jetzt denkt: „Moment, das klingt verdächtig nach mir“, findet uns unter stimmgewalt-berlin.de oder auf unseren Social-Media-Kanälen. Und ja, Tilo: Das gilt weiterhin auch für dich :)
Ihr habt von der Kirche bis zu Festivals schon alles erlebt, wie erlebt ihr diese sehr unterschiedlichen Soundkulissen und Fanmassen?
Kirchen, Clubs, Festivals und Konzertsäle haben natürlich völlig unterschiedliche Energien - und genau das lieben wir daran. Gerade fällt es aber schwer, bei dieser Frage nicht sofort wieder im Admiralspalast zu landen, weil dieser Abend noch immer nachhallt. Der Saal ist wunderschön, keine Frage. Aber was uns wirklich umgehauen hat, war die Atmosphäre unter den Lacrimosa-Fans. Diese Mischung aus Euphorie, Aufmerksamkeit und tiefer Verbundenheit mit der Musik war von der Bühne aus enorm spürbar. Man hatte das Gefühl, dass dort nicht einfach ein Publikum sitzt, sondern sehr viele Menschen gemeinsam etwas erleben, das ihnen wirklich etwas bedeutet. Und für einen Abend Teil davon sein zu dürfen, hat uns sehr berührt.
Ihr habt schon in verschieden Genres gesungen, gibt es aber ein No-Go mit dem eine Zusammenarbeit unmöglich scheint?
Musikalisch sind wir ziemlich neugierig und würden kein Genre kategorisch ausschließen. Gerade unerwartete Kombinationen können schließlich besonders spannend werden. Unsere Grenzen verlaufen weniger zwischen Genres als bei der Haltung dahinter: Menschenverachtung, Rassismus, Sexismus und vergleichbare Ideologien sind für uns klare No-Gos. Über Musikgeschmack lässt sich wunderbar streiten. Darüber nicht.
Wir war es mit Lacrimosa zusammen zu performen, in eurem Blog kann man lesen, dass einige von euch Lacrimosa schon vorher kannten bzw. regelmäßig hören, wie krass was das "Lampenfieber", falls es das bei euch gibt? Und kann man sagen ihr seid stolz, dass IHR mir Lacrimosa auf der Bühne standet (Wir Lacrimosa Fans warteten, flehten seit bestimmt 20 Jahren nach Lacrimosa mit Orchester und Chor)
Lampenfieber? Selbstverständlich. Einige von uns hören Lacrimosa seit vielen Jahren, und da hat der Gedanke „Ich singe gleich mit Tilo Wolff, Anne Nurmi und den Leipziger Philharmonikern im ausverkauften Admiralspalast“ durchaus das Potenzial, den Puls etwas unvernünftig werden zu lassen. Glücklicherweise war der Tag so voll mit Proben, Änderungen und Musik, dass kaum Zeit blieb, darüber ausführlich nachzudenken. Spätestens beim Konzert war dann vor allem Konzentration da - und diese unglaubliche Energie aus dem Saal.
Lacrimosa fragt beim Leipziger Orchester an und die fragen direkt euch, wie kann man sich diesen Kontakt vorstellen?
Eigentlich kann man sich den Kontakt ziemlich genau so vorstellen :) Wir haben bereits mehrfach mit der Philharmonie Leipzig beim „Gothic meets Klassik“ im Gewandhaus zusammengearbeitet - 2018 mit Joachim Witt und 2023 mit Lord of the Lost. Dadurch kennen wir uns inzwischen und offenbar sind wir dort als geeignete Adresse abgespeichert, wenn zu einem großen Orchester noch ein paar dunkle Stimmen gebraucht werden. Wir freuen uns deshalb grundsätzlich, wenn Maestro Prof. Dr. Michael Koehler anruft. Erfahrungsgemäß bedeutet das, dass etwas Großes bevorsteht :)
Wie wichtig ist euch die Stadt Berlin?
Berlin ist der natürliche Lebensraum von Stimmgewalt: dunkel, laut, ein bisschen merkwürdig und schwer in eine Kategorie zu bekommen :)
Wie hält man die Konzentration, wenn man auf der Bühne steht aber bei einigen Liedern "schweigen muss" ?
Überhaupt kein Problem! Wir durften ja quasi in der ersten Reihe stehen, mit einem außergewöhnlich guten Blick über Bühne und Publikum. Wenn man zwischendurch einfach mal Lacrimosa und der Philharmonie Leipzig zuhören darf, fühlt sich „schweigen müssen“ ziemlich luxuriös an.
Würdet ihr gerne mal mit Lacrimosa (oder einer anderen Band) nach Mexiko oder China reisen?
Selbstverständlich! Für Mexiko, China und andere interessante Orte sind bei uns sämtliche Kanäle geöffnet. Wir möchten an dieser Stelle ausdrücklich nicht den Eindruck erwecken, schwer zu überreden zu sein :)
Gibt es etwas das ihr von Lacrimosa gelernt oder mitgenommen habt?
Was uns besonders beeindruckt hat, war Tilos Freundlichkeit und Authentizität. Bei all dem Druck, der an einem solchen Abend vermutlich auf ihm liegt, ist er uns vom ersten Moment an offen, herzlich und auf Augenhöhe begegnet. Das ist alles andere als selbstverständlich und vielleicht tatsächlich etwas, das wir von diesem Abend mitnehmen. Falls wir also irgendwann einmal seit über 30 Jahren international erfolgreich sind und ausverkaufte Häuser spielen, möchten wir bitte auch noch so sein :)
Ich habe mich mit vielen Fans nach dem Konzert unterhalten, oft waren sie so voll von Emotionen und konnten nur Wow sagen, mit welchem Wort beschreibt ihr dieses Konzert Erlebnis?
Nachhallend.
Habt ihr Vorbilder oder Inspirationen, Callas oder Pavarotti zum Beispiel?
Wir sind zwölf Menschen mit ziemlich unterschiedlichen musikalischen Biografien, entsprechend dürfte die Liste unserer persönlichen Vorbilder sehr lang und vermutlich auch etwas widersprüchlich ausfallen :) Erstaunlich häufig würden aber wahrscheinlich Floor Jansen von Nightwish und Simone Simons von Epica genannt werden. Ansonsten bringt jede und jeder von uns eigene Einflüsse mit und genau diese Mischung hört man am Ende vermutlich auch bei Stimmgewalt.
Und, habt ihr Haustiere und wenn ihr dann zu Hause übt, singen sie mit? Meine Huskys machen es nämlich. (Falls ihr Wolfsgeheule braucht, ich kann da was vermitteln )
Ja! Wir haben sogar eine inoffizielle Bandhündin: Lulu, Lidias Corgi, ist regelmäßig bei unseren Proben dabei. Sie beherrscht sämtliche Stimmlagen von Sopran bis Bass und ist außerdem zuständig für Emotional Support. Nur mit der Textsicherheit hapert es gelegentlich noch. Das Angebot mit den Huskys behalten wir aber im Hinterkopf. Man weiß schließlich nie, wann man plötzlich ein professionelles Wolfsgeheul braucht.
Am Sonntag gibt es den Marathon in Berlin und momentan versuchen über 200 Chöre 125 Stunden am Stück singen, macht ihr da mit oder wäre das was für euch?
Wir finden das ein großartiges Projekt! Leider haben wir keinen Zeitpunkt gefunden, an dem alle Stimmgewalten gleichzeitig verfügbar sind. Einzelne von uns sind aber mit anderen Projektgruppen dabei. Stimmgewalt ist also zumindest in homöopathischer Dosis vertreten.
Was kommt bei euch als nächstes ? Träume, Pläne .... ?
Als Nächstes freuen wir uns erst einmal auf unsere neue EP, die im Frühjahr erscheinen wird, höchstwahrscheinlich im Rahmen eines Release Konzerts. Und für den Sommer sind wir bereits für eine ziemlich großartige Sache gebucht, über die wir leider noch nichts verraten dürfen. Das ist natürlich eine ausgesprochen gemeine Antwort auf eine Frage nach unseren Plänen, aber wir können zumindest sagen: Es lohnt sich, uns im Auge zu behalten :) Ansonsten haben wir noch jede Menge Ideen, Wünsche und musikalische Größenwahnsinnigkeiten. Wer wissen möchte, was davon tatsächlich Wirklichkeit wird, findet uns auf unseren Social-Media-Kanälen.
Vielen Dank für die tollen Fragen, die Neugier und die Aufmerksamkeit, lieber Michael! Es hat mir großen Spaß gemacht, sie zu beantworten. Liebe Grüße von Heike (im Namen von Stimmgewalt)