Stelio Diamantopoulos
Lange, lange ist es her das ich meine ersten Lacrimosa CDs in den Händen hielt, neben der Musik, die mich fesselte, waren es auch die Cover, die für mich extrem faszinierend waren. Jedes Cover erzählt seine eigene Geschichte. Und jetzt konnte ich endlich ein Interview mit Stelio Diamantopoulos führen. Ich hoffe es gefällt euch genau so sehr, wie es mir gefällt. Viel Spaß beim Lesen!
Du bist Schweizer mit griechischen Wurzeln, hat diese Kombination einen Einfluss auf dein Leben als Künstler?
Ja, sicherlich. Ich wuchs mit diesen beiden Wurzeln auf, welche auch zwei unterschiedliche Mentalitäten und Lebensarten sind, welche manchmal doch sehr, sehr verschieden sein können. Was es sicherlich stark beeinflusst hat, ist mein Weltbild. Ich denke nicht in festgefahrenen, typischen Mustern, ich versuche immer sehr offen zu sein. Und dies spiegelt sich natürlich auch in meiner Arbeit als Künstler wider, da meine Kunst stark mit meinem Denken verknüpft ist.
Du wirst nicht als Teil der (Schweizer) Dark-Art-Szene genannt, hast aber durch die Zusammenarbeit mit Tilo einen guten Blick auf diese Szene, wie würdest du diese beschreiben?
Ich lernte diese Szene bezüglich der Musik eigentlich erst bei meiner Zusammenarbeit mit Tilo und Lacrimosa näher kennen. Klar wusste ich in etwa, welche Bands es da gab und wie sich die Musik anhört und wie sich die Leute kleiden und darstellten. Aber ich war nie Teil dieser Szene. Ich empfinde die Szene stilistisch sehr interessant, der Style, der Mood, die Texte usw.
Vielleicht schliesst das auch den Bogen zu meiner Bewunderung von düsteren Künstlern und Autoren. Ich habe zum Beispiel früher die Werke von E.A. Poe regelrecht verschlungen (smile).
In der bildenden Kunst bewundere ich zum Beispiel Künstler wie Gottfried Helnwein oder vor allem H.R. Giger, mit dem ich auch lange Jahre befreundet war.
Du hast mit surrealistischer Kunst angefangen, dann bist du zu Politischer Pop Art "gewechselt", wie kam es zu dieser Entwicklung?
Der Surrealismus gefiel mir schon immer sehr gut. Diese unbändige Phantasie und die wunderschön rätselhaften Werke von Künstlern wie Salvador Dali, René Magritte, Max Ernst ...
Ich hab mir das Malen auch so beigebracht, dass ich mir meine Lieblingskünstler angeschaut habe, deren Technik studiert habe und daraus meinen Malstil entwickelt. Man soll ja immer von den Besten lernen! (smile)
Was meine Werke von Anfang an ausmachte, war eine kritische Sichtweise auf die Welt, was sich teils auch in provokativen Sujets in meinen Werken widerspiegelt. Diese Grundhaltung, die kritische Sichtweise und die Botschaft in meinen Werken zieht sich wie ein roter Faden durch mein Schaffen. Und dies unabhängig vom Stil.
Die Entwicklung zu meinem heutigen Stil war fliessend und ergab sich meist aus emotionalen Entscheidungen.
Im Kopf drinnen war ich schon immer sehr politisch denkend. Wenn man so will, war das eine logische Entwicklung.
Welche Künstler/Ereignisse haben dich beeinflusst bzw. beeinflussen dich noch immer?
Die vorher genannten Künstler und dazu noch die Pop Art Künstler, wie Andy Warhol, Roy Lichtenstein usw. Aber auch immer wieder entdecke ich neue Künstler, welche mich zum Teil inspirieren können.
Was mich aber eigentlich mehr als die Kunst anderer beeinflusst sind das Weltgeschehen und Filme, oh, ich liebe Filme!
Das mit dem Weltgeschehen kann man gut in deiner Kunst erkennen, ich glaube auch einige Einflüsse aus Hollywood erkannt zu haben, aber welche Filme sind es genau? Hast du Lieblingsfilme?
Deine Kunst konnte man schon in vielen Ländern bewundern, macht dich das irgendwie stolz das deine Kunst keine "Grenzen" kennt?
Ja, das macht mich schon stolz. Weil ich auch sehe, dass meine Werke überall auf der Welt verstanden werden oder zumindest Gefallen finden. Ich habe schon immer eine universelle Sprache in meiner Kunst vermitteln wollen.
Aber es gibt auch eine Kehrseite. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Schweiz, wo ich lebe, einfach zu klein ist oder zu wenig offen für meine Kunst ist.
Jedenfalls ist es für mich als Künstler ein riesiges Lob, dass es Leute irgendwo auf der Welt gibt, die meine Werke bewundern und sogar eines oder mehrere meiner Werke kaufen. Das ist jedes Mal ein grosses Kompliment. Aber nicht nur das. Denn, seien wir mal ehrlich. Nur von Ruhm und Ehre kann man am Ende des Monats keine Rechnungen bezahlen.
Kannst du denn von deiner Kunst leben?
Es ist ein Auf und Ab. Seit der Covid-Pandemie ist es schwieriger geworden, da verschiedene Galerien, mit denen ich zusammen gearbeitet habe, weggefallen sind. Aber ich halte meine Fühler immer offen, um neue Kontakte herzustellen.
Ich sehe deine Kunst als gesellschaftliche/politische/religiöse Kritik, aber wie siehst du selbst deine Kunst?
Ja, das trifft es eigentlich sehr gut. Ich versuche immer wieder Themen und Sujets zu verarbeiten, die oft kontrovers sind oder Anlass zum Denken geben.
Es gibt da Werke, die sich mit der Konsumgesellschaft auseinandersetzen, oder auch mit Ikonen und Symbolen der Geschichte, der Gesellschaft und der Wirtschaft. Diese Werke sind oft nicht eindeutig. Ich spiele dabei gerne mit unseren gewohnten Sehweisen und Blickwinkeln, verwende Metapher, und Gegensätze.
Ein Mittel dazu ist die Reduktion auf das Wesentliche, wodurch die Wirkung
auf den Betrachter umso stärker wird. Auch die Ästhetik meiner Werke, selbst bei ernsten oder unschönen Inhalten ist ein wichtiges Stilmittel, welches ich gezielt einsetze. Der Betrachter wird dadurch gefordert und findet sich oft in einem inneren Zwiespalt. Ziel erreicht! (smile)
Die große Frage, was ist Kunst?
Ooh, da haben sich schon viele den Kopf darüber zerbrochen.
Kunst ist der individuelle Ausdruck eines jeden. Die Fähigkeit Türen zu öffnen. Etwas zu schaffen. Für etwas zu brennen und auch bereit sein zu leiden. Eine Form oder Gefäss für seine Gedanken zu finden. Und vorallem auf Reize und Einflüsse zu reagieren. Das kreative Schöpfen. Menschen zu berühren. Denkanstösse geben.
In deinen frühen Jahren warst du auch musikalisch aktiv, du hast für The Glorias und Lacrimosa den Bass gespielt, wie war diese Zeit für dich?
Musik war für mich schon früh immer ein wichtiger Begleiter. Als Teenie fing ich dann an Bass zu spielen. Für mich war schon immer klar, wenn ein Instrument, dann Bass! Das ist so eine Gefühlssache. Ich war in dieser Zeit in diversen Bands aktiv und wir machten viele Sessions.
Die Zusammenarbeit mit Lacrimosa bzw. mit Tilo im Studio diese Songs einzuspielen, war eine tolle Zeit. Es war so frisch und unbekümmert, wie wir da an die Sache rangingen. Pure Kreativität.
Und wenn ich es mir heute anhöre, dann seh ich uns gerade wieder da in diesem Studio sitzen.
Übrigens, spiele ich die selbe Bassgitarre immer noch.
Könntest du uns diese Bassgitarre zeigen?
Die meisten Lacrimosa Fans kennen dich natürlich wegen der Vinyl-Cover, wie kam es zu dieser Zusammenarbeit bzw. wie und wo hast Tilo kennengelernt?
Als Tilo an seinem ersten Album gearbeitet hat, wandte er sich für das Artwork an eine Design-Agentur.
Diese wiederum holte mich ins Boot, da wir uns kannten und ich kurz zuvor das Artwork für eine andere Band gemacht hab (Victory - Temples of Gold).
Wir sassen zusammen, Tilo und ich, und er erzählte mir von seinen Ideen, welche schon sehr konkret waren.
Und so entstand das erste Cover und auch das Lacrimosa-typische Artwork. Ein Stil, extra geschaffen für Lacrimosa.
Der Rest ist Geschichte!
Hast du den Lacrimosa Harlekin erschaffen?
Ja. Ich hab das Logo erschaffen. Auch hier hatte Tilo schon eine klare Vision.
Ich brachte das in eine Form, die bis heute Bestand hat.
Dazu gehört auch der Harlekin, der in den Covers immer wieder dargestellt ist.
Viele fragen sich natürlich wie entsteht ein "Lacrimosa Cover", ruft Tilo dich an und gibt es dann eine Art von Brainstorming, kannst du etwas über die Entstehung eines Lacrimosa Covers erzählen? - Wie viel Stelio bzw. Tilo steckt in jedem Cover?
Jedes Cover ist aus einer intensiven Zusammenarbeit entstanden. Zuerst ist da eine Idee von Tilo oder es gibt mehrere Ideen, die wir gemeinsam haben. Und wir sitzen zusammen, teilweise dauert das sehr lange. Manchmal ist die Idee für das Cover aber auch schon schneller gefunden, da wir wissen, dass genau das jetzt das Richtige ist.
Wenn das Sujet gefunden ist, mache ich Skizzen. Dann sitzen wir wieder zusammen. Dann werden die Entwürfe immer konkreter. Jedes Detail wird angeschaut. Man kann da nicht genau sagen, wieviel von Tilo kommt und wieviel von mir. Wir funktionieren dann in einer Art Symbiose. (smile)
Die detaillierte Ausführung ist dann natürlich meine Sache. Ich hab da sehr viel künstlerische Freiheit, da ich einerseits genau weiss, wie Tilo sich das Ganze vorstellt, und anderseits Tilo mir ganz vertraut.
Gibt es unveröffentlichte "Lacrimosa Kunst" eine Art "B-Seiten" oder Skizzen, wenn ja, wird man diese Kunst irgendwann zu sehen bekommen ?
Es gibt keine "offizielle" Lacrimosa-Kunst. Und ich weiss da nicht, ob wir etwas veröffentlichen werden.
Vielleicht wenn es irgendwie passt und Sinn macht.
Hast du ein Lieblingscover ?
Gute Frage. Vorab, ich mag alle. Ich denke, vielmals war es so, dass das Cover, welches ich gerade in Arbeit hatte, mein Lieblingscover war. Momentan ist es sicher "Lament". Lange Zeit war "Satura" mein Lieblingscover. Ich liebe dieses ikonenhafte. Die Grazie. Diese Kraft. Ich denke mit "Lament" ist da ein wahrer Konkurrent in meiner Bestenliste.(smile) Ich liebe dieses Düstere. Diese Stimmung. Und auch hier wieder diese Kraft, die vorallem von der Figur ausgeht.
Kannst du uns ein kleines Geheimnis oder eine Anekdote über Tilo erzählen ?
Mmh, da muss ich überlegen... eigentlich fällt mir da spontan jetzt nicht was ein. Und wenn, dann würde ich es vielleicht auch nicht erzählen..(lach)
Welche Musik hörst du privat und gehst du auch auf Lacrimosa Konzerte?

Noch etwas das du sagen möchtest ?
Ich finde es wunderbar, die Entwicklung von Lacrimosa von Anfang an zu begleiten und ein Teil davon zu sein.
Auch bin ich unendlich dankbar über jedes einzelne Lob zu meiner Arbeit betreffend dem Cover-Artwork.
Und dann gibt es da noch diese vielen Tattoos mit den Cover-Sujets. Wow, am Anfang war ich fast schockiert, wegen der Verantwortung. Man schafft etwas und dann lässt es sich jemand in die Haut stechen. Heute empfinde ich das als riesengrosses Lob in Tilos und meine Arbeit.
Ich danke euch allen, ein Teil von Lacrimosa sein zu dürfen.
Wir danken dir!
✮ Das Interview wurde von Michael geführt.
☞ DIAMANTOPOULOS - offizielle Webpräsenz
