Eric Burton
Ich hatte das Vergnügen, ein nettes Interview mit Eric Burton zu führen. Wir kennen ihn von Catastrophe Ballet, der Zusammenarbeit mit Tilo Wolff, aber auch von Heartbeat Promotion. Vielen Dank.
1989 wurde Catastrophe Ballet gegründet, wie kam es dazu und wurde der Name wegen des zweiten Christian Death Albums von 1984 gewählt?
In den 80ern saß ich in Bitburg fest, typisches Kleinstadtleben. Ich wollte Klanglandschaften schaffen, die unter die Haut gehen – so begann alles mit Manfred Thomaser an der Gitarre. Den Namen Catastrophe Ballet wählten wir bewusst vom zweiten Album von Christian Death, weil die beiden Begriffe eine perfekte Choreographie aus Schmerz und Schönheit beschreibten, die zu meinem eigenen musikalischen Leitmotiv wurden.
1992 bist du unteranderem auch mit Shadow Projekt (Rozz Williams!) getourt, wie war diese Tour und diese Erfahrung?
Die Deutschland-Tour mit Shadow Project und Rozz Williams war eine tolle und auch neue Erfahrung in vielerlei Hinsicht. Es entstanden Bekanntschaften, die es heute noch gibt. Fotos gibt es einige aus der Zeit, findet man auch bei Facebook z.B. in den Posts von William Faith.
Von Bitburg nach Hamburg, warum gab es diesen "Umzug"?
Bitburg war die Geburtsstätte, ich fand dort persönliche und meine erste Welle von künstlerischer Freiheit, die ich dann in Hamburg ausführen und ausleben konnte. Ohne Hamburg hätte es die Band nicht so lange gegeben. Die Stadt hat unser Leben als Band verlängert.
Du hast mit Catastrophe Ballet über 400 Konzerte bzw. Festivals auf der ganzen Welt gespielt und natürlich sehr viele Künstler kennengelernt, gibt es ein Konzert bzw. ein Festival auf das du besonders gerne zurückblickst?
Von über 400 Gigs ragt für mich das Zillo Festival 1998 heraus, als wir vor 21.000 Menschen spielten – neben The Cure und Rammstein. Generell waren die Festivals alle einzigartig, egal ob die frühen 90er WGTs oder kleinere Events.
Ich glaube 1995 habt ihr eine Mega Tour mit (über) 100 Städten in Europa gespielt, wie war das, ermüdend?
Ja, wir sind durch ganz Europa und die USA getourt. Es war atemberaubend schön, teilweise grauenhaft schlimm. Ich vermisse heute keine Sekunde davon! Damals konnte ich davon nicht genug bekommen.
Nach so vielen Konzerten gab es aber nur ein Live-Album, warum? Und warum wurde das Dark Nation Day Festival in Wien dafür gewählt?
Die Frage setzt voraus das wir immer alles geplant hätten. Haben wir aber nicht, alles kam wie es kommen sollte. Das Album hätte auch an jedem anderm Ort der Welt aufgenommen werden können.
Natürlich habt ihr auch in Mexiko-Stadt gespielt, es war im Circo Volador oder? Wie habt ihr die Fans erlebt, kann man Europäische, US-Fans und Mexikanische Fans vergleichen ?
Circo Volador ….Mexikanische Fans tanzen, singen, schreien lauter als überall sonst. Europäer sind oft andächtig, US-Fans enthusiastisch, doch in Mexiko bricht eine freundliche Wildheit los, die ich so bis dahin nirgendwo anders erlebt hatte.
Auf dem Album von 2006 "All Beauty Dies" kann man eine Ballett Tänzerin sehen, hat das eine tiefere Bedeutung?
Die Tänzerin ist mehr als Ästhetik: Sie symbolisiert die Vergänglichkeit dieser Welt – Schönheit, die im Fallen erblüht, nur um im nächsten Moment zu vergehen. Ein stiller Dialog von Licht und Dunkelheit.
2013 gab es dann den letzten Auftritt und die Auflösung der Band, warum?
Unser letztes großes Finale war das Wave-Gotik-Treffen 2013 – mehr als ein Abschiedskonzert, es war ein kathartisches Ende nach 25 Jahren. Kreative Wege trennten sich, und wir hatten das Gefühl, die Geschichte sei erzählt. Ich mag keine Wiederholungen und wollte nie das Catastrophe Ballet einfach zu „ausfaden“.
Dazu ein Text der sich heute ergeben hat:
„Rebellion im Rückspiegel“
Ich seh sie vor mir.
Die Typen mit den schwarz gefärbten Haaren die noch geblieben sind.
Lederweste, Patch von der Lieblingsband,
stehen vorm Festival Merch Stand
und kaufen ein T-shirt oder die vierte Platte
von einer Band, die seit 1991
nichts Neues mehr gesagt hat.
Und ich frag mich:
Wen wollt ihr noch beeindrucken?
Euch selbst…oder den Spiegel,
in dem ihr euch noch mal als Anfang sehen wollt,
obwohl das längst das Ende ist?
Damals –
stand ich auf Friedhöfen mit viel zu großen Schuhen,
während der Soundtrack der Szene uns wie Strom durchfloss
und die Welt da draußen ein Feindbild war,
klar umrissen,
glänzend in seiner Ablehnung.
Wir waren nicht viele –
aber wir waren echt.
Heute -
Ist das noch Rebellion – oder bloß Nostalgie mit Nebelmaschine?
Eric Puchner hat eine Geschichte geschrieben,
„Trojan Whores Hate You Back“
– eine Band,
die's nochmal wissen will,
Punks auf Tour,
die denken, sie wären noch gefährlich.
Sind sie aber nicht.
Sie sind alt.
Und verloren.
Und alles, was mal wild war,
klingt jetzt wie Playback.
Und ich hab das gelesen
und dachte:
Scheiße.
Das sind wir.
Die schwarze Szene,
die einst aufbegehrte,
steht jetzt Schlange
für Autogramme von Typen mit Perücken.
Wir feiern die Vergangenheit
wie einen Kult.
Wir tanzen wie früher,
aber wir fühlen es nicht mehr.
Oder?
Vielleicht bin ich nur wütend,
weil ich auch dazugehöre.
Weil ich nicht loslassen will.
Weil ich weiß:
Der Soundtrack meiner Wut
wird heute in der Mittagspause gehört
von Leuten,
die nie etwas dafür riskieren mussten.
Und trotzdem...
liebe ich diese Szene.
Weil sie mich gerettet hat.
Aber ich will ihr nicht dabei zusehen,
wie sie sich selbst konserviert
wie eine Leiche mit Lippenstift.
Rebellion wird alt.
Aber sie sollte nicht lügen.
Nicht sich selbst vorspielen,
sie sei noch jung,
wenn sie längst
nicht mehr kämpft,
sondern sich selbst und den Leuten etwas vorspielt.
Ich hab keinen Bock mehr
auf Dinosaurier,
die wie Götter angebetet werden,
aber nichts mehr sagen.
Und keinen Bock mehr
auf Magazine,
die sich seit '88
nicht verändert haben,
außer dass die Seiten dünner geworden sind.
Ich will was Neues.
Oder ich will Ruhe.
Ehrliche Ruhe.
Stille,
in der Platz ist für etwas Echtes.
Denn vielleicht ist es das:
Unsere Aufgabe heute
ist nicht, vorne zu stehen.
Sondern Platz zu machen.
Nicht die Szene zu retten.
Sondern ihren Geist zu bewahren.
Nicht Stil.
Geist.
Und wenn du jetzt sagst:
„Aber ich fühl das alles noch!“
Dann sag ich:
Zeig es.
Aber bitte:
ohne Maske,
ohne Nostalgie,
ohne Requisiten.
Zeig mir,
was du heute zu sagen hast.
Nicht nur,
wer du gestern warst.
Denn genau deshalb
krieg ich diese Gedanken
nicht mehr aus dem Kopf.
Weil diese Gedanken uns den Spiegel hinhält,
den wir so lange gemieden haben.
2022 gab es dann die Veröffentlichung der "The Malberg Tapes" (das einzige Album von Catastrophe Ballet das man im Moment in Spotify hören kann), auf dem Cover kann man das Malberg Schloss sehen, gibt es hier einen besonderen Grund dafür?
2022 erschienen die „Malberg Tapes“, benannt nach den alten Aufnahmen, die wir in einer alten, kalten und dreckigen Fabrikhalle in der Nähe von Schloss Malberg machten. Dieses Gemäuer strahlte eine zeitlose Melancholie aus – perfekt für unsere frühen Demos. Das alles hat sich Manfred Thomaser ausgedacht, Danke dafür.
Heute wird eigentlich alles Digital veröffentlicht, natürlich gibt es auch noch CDs, Vinyl und manchmal auch Kassetten. Aber ich denke heutzutage fehlt das Erlebnis in einem CD-Store Platten oder neue Künstler zu entdecken, wie siehst du diese Entwicklung?
Ja, Streaming ist praktisch. Ende der Geschichte. Man erinnert sich meistens an sein erstes physisches Album, aber meist selten an seinen ersten Download oder Stream.
Du bist jetzt Manager bei HARDBEAT PROMOTION Deutschlands erfolgreichster Promotion Firma für Independent Musik etc. , wie kam es dazu?
Ich wollte Künstlern und Bands helfen, die Ideen weitergeben, die mich selbst einst entzündet haben.
Vermisst du auf der Bühne zu stehen?
Ich weiß, hier erwartet man jetzt eine Klischee Antwort. Aber ich kann nur sagen: Nein, ich vermisse gar nichts!!!
Dann gab es da die Band Cinema Bizarre (nicht zu verwechseln mit Cinema Strange). Wie kam es zu diesem Projekt, in dem du unter anderem auch mit Tilo Wolff zusammengearbeitet hat?
(Für mich war es damals super interessant das die Band, noch bevor sie überhaupt Musik veröffentlicht hatte, geschweige denn das erste Album in den Geschäften hatte, einen "Hype" ausgelöst hatte, jedenfalls in Myspace und dann auch Facebook etwas später.)
Als Tilo Wolff und ich Cinema Bizarre entwickelten, reizte uns das Konzept: junge auffällige Musiker, ein Hype auf MySpace noch vor dem Debüt, eine Visual Kei / Manga-Ästhetik, kombiniert mit Emo Rock, Depeche Mode, Sigue Sigue Sputnik, David Bowie und endlos vielen anderen Pop Zitaten. Im Grunde genommen wollten wir auch sehen wie weit man mit einer bloßen Idee und viel Frechheit kommt. Die Antwort ist: sehr weit. 
Gibt es interessante (oder uninteressante) Pläne für die Zukunft?
Mache ich nie. Alles kommt wie es kommen soll.
Dann kommen noch die "Hamburger Fragen": HSV oder St. Pauli? Bitburger oder Hamburger Bier? Labskaus oder lieber etwas deftiges aus der Bitburger Ecke?
➠ Ich wohne auf St. Pauli, bin aber kein Fußballfan.
➠ Freibier.
➠ Ich bin Vegetarier seit 30 Jahren. Essen ist mir generell egal.
Möchtest du noch etwas loswerden, oder sogar beichten? Eine nette Anekdote akzeptiere ich natürlich auch gern. / Oder gibt es eine Frage, die dir nie gestellt wurde, aber du gerne beantwortet hättest?
https://www.youtube.com/watch?v=_8mduTEvnU0
➠ Catastrophe Ballet | Spotify ♪ ♫ ♬
Das Interview wurde von Michael geführt.
