Orkus-Interview-SO25
Interview Orkus Magazin 2025 / September/Oktober
2 Fakten:
* Tilo Wolff rief vor 25 Jahren Lacrimosa ins Leben (Anmerkung Michael: hier hat Orkus einen Fehler gemacht, es sind 35 Jahre)
* Auch in Mexiko und generell Südamerika sind Lacrimosa sehr beliebt. Während ihrer Südamerika-Tour im Mai/Juni konnte man sogar Fernsehberichte sehen.
Wir sprechen mit Tilo Wolff im Zusammenhang mit ihrer „Lament“ - Welttournee unter anderem über Sprachgrenzen, nasse Badehosen und überirdische Publikumsreaktionen.
Harte Schale, weicher Kern
Orkus: Auch wenn du mit Lacrimosa schon häufiger in Südamerika aufgetreten bist, ist es dennoch erstaunlich, dass ihr dort so wahnsinnig viele Fans habt. Wir erklärst du dir das?
Tilo Wolff: Ja, so wirklich analysieren will ich das gar nicht - wenn ich einen Manager hätte, hätte der das sicher schon längst gemacht -, aber ich bin in erster Linie erst einmal dankbar dafür! Aber um deine Frage zu beantworten, denke ich, dass es letztlich die Summe vieler Faktoren sein könnte. Dazu gehört sicher, dass wir 1998 die erste europäische Gothic-Band waren, die in Mexiko aufgeschlagen ist. Dass wir das damals riskiert hatten, hat man uns nicht vergessen. Ja, und dann die Verbindung aus Emotionen und Härte ist ja auch eher selten, trifft aber das südländische Gefühl - harte Schale mit weichem Kern. Zudem gefällt Lateinamerikanern die deutsche Sprache, wobei diese auch die Frage nach Ei oder Huhn ist: Mögen die Menschen die Sprache wegen Lacrimosa, oder Lacrimosa wegen der Sprache? Jedenfalls wird anhand unserer Texte an Schulen und Universitäten Deutsch gelehrt.
Universell
Orkus: Wow! Ist das vielleicht auch ein Beweis, dass Musik über alle Länder und Sprachgrenzen hinweg die Menschen vereinen kann?
Tilo Wolff: Genau! Musik ist eine universelle Sprache! Auch wenn sich heute viele für die Texte von Lacrimosa interessieren und dafür Deutsch lernen, versteht sicher der Großteil unseres Publikums nicht, was wir singen. Aber das ist ok, denn die Musik sagt ja alles!
Tunnelblick
Orkus: Du hast auch interessante Einblicke gewährt, z.B. einen Tunnel als Backstage-Verbindungsweg in São Paulo. Wie lange musste man da gehen und wo hat das tatsächlich hingeführt?
Tilo Wolff: Ja, das Bangers Festival in São Paulo ist wirklich großartig im wahrsten Sinn des Wortes! Das Festival-Gelände erstreckt sich über einen ganzen Stadtteil und bietet unglaublich viel für das Publikum, aber auch für die Bands. Dieser Tunnel führte von unserem Backstage zu dem Areal, in dem die Bands, die dazu bereit waren, Autogrammstunden gaben. Auch das war hervorragend organisiert!
Goths am Strand
Orkus: Du hast immer wieder interessante Kulturdenkmäler, besondere Architektur oder auch einfach nur die Umgebung gepostet, aber immer aus einem interessanten Blickwinkel. Wie viel Zeit blieb dir bei dieser Tour, das Umland kennenzulernen?
Tilo: Viel Zeit war da leider nicht. Wir hatten im Grunde jeden Tag ein Konzert in einer anderen Stadt, also früh morgens raus aus dem Hotel und mit dem Bus zur nächsten Metropole. Wenn wir dann irgendwo angehalten haben, habe ich hier und da eines dieser Fotos gemacht. Aber da es so viele Konzerte waren, mussten wir leider auf komplett freie Tage verzichten, sonst wären wir in der Summe zu lange unterwegs gewesen. Die einzigen Tage, an denen wir abends nicht auf der Bühne standen, waren Flugtage, wenn die Distanzen zu groß für einen Bustransfer waren. Das hat dann zu so lustigen Situationen geführt, dass wir z.B. nach der Ankunft an einem Küstenort in den Pazifik gesprungen sind, um dann ohne Zeit zum Duschen mit nassen Badehosen unter den Klamotten im „Meet & Greet“ gestanden sind.
Orkus: Also, richtiges Urlaubsgefühl, gleichzeitig auch fast etwas unwirklich „Goths am Strand“. Wie geht es dir damit?
Tilo: Ins Meer springen muss sein! Oder Meeresfrüchte essen gehen, oder in Standbars ein kühles Bier trinken - ich liebe den Strand, so wie ich die Berge oder den Wald liebe. Alles zu seiner Zeit, es gibt so viel zu entdecken und zu erleben, und wenn wir am Meer spielen, will ich das sehen und erleben!
Überirdisch
Orkus: An welche Momente erinnerst du dich ganz besonders zurück, wenn du an diese Tour denkst?
Tilo: Oh, da waren so unfassbare Momente dabei - wenn man da z.B. in eine Stadt fährt, und auf fünf Meter hohen Werbemasten seinen Namen liest, oder wenn man ein Zusatzkonzert ankündigt, und nach wenigen Minuten erfährt, dass es schon wieder ausverkauft ist. Der größte Moment aber war, als wir beim Abschlusskonzert in Mexiko Stadt die Orchester-Show 2026 angekündigt haben. Die Reaktion des Publikums war überirdisch! So etwas hatte keiner der Anwesenden jemals erlebt!
Rückkehr
Orkus: Wie kam es zu dieser schönen Idee des Orchester-Konzerts nächsten August?
Tilo: Schon lange wollte ich mit Orchester auf die Bühne gehen. Während der letzten ein, zwei Jahre haben wir ein Konzept ausgearbeitet und als wir dann die Arena in Mexiko Stadt buchen konnten, haben wir zugeschlagen. Glücklicherweise ist sie auch am darauffolgenden Tag verfügbar, denn das erste Konzert war in wenigen Stunden ausverkauft.
Probleme?
Orkus: Ein Konzert musste aus Sicherheitsgründen verlegt werden und wurde um einen Tag verschoben. Was ist denn da „passiert“?
Tilo: Die Stadt (Anmerkung von Michael: die Stadt war San Luis Potosí) wollte einen neuen Park einweihen und hatte unserem Veranstalter deswegen diese Location für unser Konzert angeboten. Das wäre eine gute Werbung für dieses neue Areal gewesen, allerdings vollkommen ungeeignet für die Durchführung eines Konzertes. Zusammen mit meiner Produktionsleiterin haben wir entschieden, aus Sicherheitsgründen das Konzert verlegen zu lassen. Ein Beispiel: Das Areal, auf dem das Publikum gestanden hätte, war ein kunstvoller Steingarten, durchzogen von meterbreiten Wasserkanälen mit geländerlosen Holzbrücken. Sehr schön anzusehen und bei Tageslicht wunderbar zum Flanieren, aber in der Dunkelheit wären die Menschen über die Steine gestolpert, in die Wassergräben und von den Brücken ohne Geländer gefallen, die Panik hätte ihr Übriges getan.
Orkus: Ja, das hätte ganz schön ins Auge gehen können! Nicht alle Konzerte konnten pünktlich stattfinden, da der Andrang so groß war und zum ursprünglichen Start noch so viele Leute draußen gewartet haben. Wie habt ihr das erlebt?
Tilo: Ja, das war ein Problem. Einerseits ist es ja schön, wenn so ein Andrang herrscht, anderseits war das jetzt auch nicht die große Überraschung für das Sicherheitspersonal. Da hätte man sich seitens der Örtlichen besser vorbereiten können.
Kulturunterschiede?
Orkus: Was hat es mit dem südamerikanischen Publikum auf sich? Inwiefern unterscheidet sich die Mentalität vom westeuropäischen oder speziell deutschem? Oder sind die Unterschiede gar nicht so groß?
Tilo: Grundsätzlich ist das lateinamerikanische Publikum einfach deutlich lauter und wilder. Die Menschen sind im Vergleich zu uns Westeuropäern einfach freier im Denken und Handeln. Das muss man auch gar nicht werten - wobei genau dieses Werten und Bewerten übrigens etwas sehr Deutsches ist. Der Argentinier liebt sein Land und wenn ich eine argentinische Flagge hochhalte, jubelt das Publikum. In Deutschland würde das Diskussionen und lange Debatten auslösen. Und ich hörte jetzt schon: „Ja, aber die hatten ja auch eine andere Vergangenheit“. Und schon beginnt die Debatte ...
Heimkehr
Orkus: Ja, es ist schwierig, einerseits den Geist der Vergangenheit im Sinne von „nicht vergessen“ aufrecht zu erhalten, und sich andererseits nicht von ihm geißeln zu lassen. Sprechen wir über die baldigen Deutschland-Konzerte. Müsst ihr dafür noch proben oder seid ihr sowieso schon perfekt eingespielt?
Tilo: Klar, nach einer so langen Tour ist man gut eingespielt, allerdings spielen wir nicht die identische Setliste, es gibt tatsächlich ein paar regionale Unterschiede. Zum Beispiel haben die Lateinamerikaner weniger Bezug zu Liedern wie „Alles Lüge“, dafür hören sie gerne „Copycat“, in Deutschland ist das eher umgekehrt. Und ich freue mich, wieder in Deutschland auf Tour zu sein.
(Interview: Claudia Zinn-Zinnenburg)
